Wenn sich das Leben verändert, verändert sich auch unser Blick auf Räume

 

 

Ich habe Architektur studiert und doch die meiste Zeit meines Berufslebens nicht mit dem Planen und Bauen von Häusern verbracht, sondern mit Sprache und Kommunikation über Architektur.

 

Seit mehr als 20 Jahren schreibe ich über Räume, spreche mit Menschen, die sie entwerfen und nutzen, begleite Fachbücher und versuche immer wieder herauszufinden:

 

  • Was macht einen Ort wirklich aus?
  • Warum fühlen wir uns in manchen Räumen sofort wohl und in anderen nicht?
  • Und was erzählen Räume über die Menschen, die in ihnen leben?

 

Mich hat dabei nie nur interessiert, wie ein Raum aussieht. Mich interessiert, was dort geschieht.

Wie Menschen sich bewegen, wo sie sich zurückziehen und wo sie zusammenkommen. Welche Dinge ihnen wichtig sind, was selbstverständlich geworden ist, weil es seit Jahren genauso gelebt wird.

 

Räume gehören zu unserem Leben

Je länger ich mich mit Architektur und Innenräumen beschäftigte, desto deutlicher wurde mir, wie eng unser Zuhause mit unserem Leben verbunden ist.

 

Wir richten Räume für bestimmte Lebenssituationen ein: Für ein gemeinsames Leben als Paar, für eine Familie oder für Kinder, die zu Hause wohnen. Für Gewohnheiten, Aufgaben und Bedürfnisse, die zu einem bestimmten Zeitpunkt selbstverständlich erscheinen.

 

Doch das Leben bleibt nicht so.

 

Und genau an diesem Punkt begann mich eine andere Frage immer stärker zu beschäftigen:

Was macht es mit uns, wenn sich unser Leben verändert hat, die Räume um uns herum aber noch von unserem bisherigen Alltag, unseren Rollen und Gewohnheiten erzählen?

 

Wenn das bisherige Leben im Zuhause weiter präsent ist

Nach dem Tod der Partnerin oder des Partners kann ein vertrauter Gegenstand plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommen. Seine Jacke hängt noch an der Garderobe, das gemeinsame Schlafzimmer sieht aus wie immer und gleichzeitig ist nichts mehr wie zuvor.

 

Nach einer Trennung erzählt das Zuhause weiterhin von einem gemeinsamen Leben. Möbel, Räume und Gewohnheiten sind auf ein Wir ausgerichtet, obwohl dieses Wir nicht mehr besteht. Manchmal wohnen beide sogar noch eine Zeitlang unter einem Dach, bis eine andere Lösung möglich wird.

 

Wenn die Kinder ausziehen, verändert sich der Alltag auf eine wieder andere Weise. Es wird stiller. Aufgaben und Routinen fallen weg. Gleichzeitig bleiben Kinderzimmer, der große Esstisch und viele vertraute Dinge als Teil der Familienzeit bestehen.

 

Diese drei Erfahrungen sind grundverschieden.

Was sie miteinander verbindet, ist:
Das Leben hat sich verändert. Das Zuhause hält noch an der Vergangenheit fest.

 

Und damit kann sich auch die eigene Wahrnehmung der Räume verändern.

Was lange selbstverständlich war, kann plötzlich Kraft kosten oder fremd wirken. Anderes gibt weiterhin Halt und sollte unbedingt bleiben. Ein Raum passt vielleicht nicht mehr zum heutigen Alltag. Oder eine scheinbar praktische Wohnfrage führt zu einer viel tieferen Frage darüber, was jetzt eigentlich gebraucht wird.

 

Aus meinem Blick auf Räume ist ZWISCHEN RÄUMEN entstanden

Auch eigene Abschiede und Übergänge haben meinen Blick auf diese Zusammenhänge verändert.

Ich kenne das Bedürfnis, möglichst schnell eine Lösung zu finden, wenn Vertrautes wegbricht. Gleichzeitig habe ich erfahren, wie wichtig es sein kann, erst einmal genauer hinzusehen:

 

  • Was ist eigentlich geschehen?
  • Was wirkt noch weiter?
  • Was brauche ich heute und was glaube ich nur verändern zu müssen, weil die Situation schwer auszuhalten ist?

 

Aus meiner langjährigen Arbeit mit Architektur und Räumen, meiner Erfahrung mit Sprache und dem genauen Zuhören und meinen eigenen Erfahrungen mit Abschieden ist nach und nach ZWISCHEN RÄUMEN entstanden.

 

Heute begleite ich dort Frauen in der Lebensmitte nach dem Tod ihrer Partnerin oder ihres Partners, nach einer Trennung oder wenn die Kinder ausziehen.

 

Dabei gehört das Zuhause für mich selbstverständlich mit in die Betrachtung.

Nicht, weil nach einem Abschied sofort umgeräumt oder neu gestaltet werden müsste. Sondern weil Räume sehr konkret zeigen können, was aus dem bisherigen Leben weiterwirkt, wo sich Bedürfnisse verändert haben und welche Fragen heute wichtig werden.

Manchmal geht es um einen Rückzugsort.

Manchmal um das gemeinsame Schlafzimmer.

Um ein Kinderzimmer, das seit dem Auszug unverändert geblieben ist.

Um Dinge, die ihren Platz behalten sollen oder deren Anwesenheit täglich Kraft kostet.

 

Und manchmal führt die Frage an einen einzelnen Raum schließlich zu einer größeren Entscheidung:

 

Möchte ich hier bleiben? Was müsste sich dann verändern? Passt dieses Zuhause noch zu meinem heutigen Leben? Oder wird irgendwann ein anderer Ort stimmiger?

 

Hier schreibe ich heute weiter

Aus dem ursprünglichen Gedanken, auf architekturtext.de über Menschen und Räume in Veränderung zu schreiben, ist inzwischen ein eigener Schwerpunkt geworden. Im Blog von ZWISCHEN RÄUMEN beschäftige ich mich mit den Fragen, die nach einem Abschied im Alltag und im Zuhause entstehen.

Mit Räumen, die weiterhin von einem vergangenen Leben erzählen. Mit Dingen, die plötzlich eine andere Bedeutung bekommen. Mit der Frage, was bleiben darf, was sich verändern könnte – und wie ein Zuhause wieder stärker den eigenen heutigen Bedürfnissen entsprechen kann.

Manchmal beginnt das ganz konkret mit einem Raum: mit dem Wunsch nach mehr Rückzug, nach einem eigenen Platz oder danach, etwas im bisherigen Zuhause anders zu nutzen. Manchmal führt der Blick weiter und berührt größere Entscheidungen darüber, wie und wo das eigene Leben künftig stattfinden soll.

 

ZWISCHEN RÄUMEN ist für diese offenen Lebens- und Wohnfragen da.

 

Für das Innehalten, bevor aus Druck entschieden wird. Für einen genaueren Blick darauf, was heute wirklich gebraucht wird und für die Schritte, die daraus entstehen können.

 

Druckversion | Sitemap
© Agentur Architekturtext, Dipl.-Ing. Annette Galinski